Neher: Kontrollierte Offensive

03. September 2020
Gerd Neher
„Mit ´Kontrollierte Offensive` beschreibt Otto Rehagel, wie man sich als dynamisches und kreatives Unternehmen am Markt bewegen sollte. Das ist mein Motto für mich als Unternehmer und Privatperson.
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Er ist ein Macher. Leidenschaft und Emotionen spielen bei ihm immer eine Rolle. Wäre er Fußballtrainer, könnte er bei einem Spiel keine Sekunde still auf der Trainerbank sitzen, mitten im Geschehen fühlt er sich am wohlsten: Für sein Unternehmen und seine Kunden fordert er immer 100% Einsatz. Nun plant er – trotz der Krise – den weiteren Ausbau von Neher Diamant – ein Gespräch mit dem Neher-„Coach“ Gerd Neher.

DIAMOND BUSINESS: Die Firma Neher wird in diesen Tagen 30 Jahre alt – eigentlich sollte groß gefeiert werden. Was macht Corona nun mit dem Alltag von Neher?

Gerd Neher: Im ersten Quartal hatten wir noch Wachstum. Im April hat es uns aber richtig mitgenommen. Wir sind mit der Hälfte der Belegschaft in die Kurzarbeit. Allerdings muss man sagen, dass es auch Firmen in der Branche gibt, die schon seit Januar mit fulminanten Auftragseinbrüchen zu kämpfen haben, also schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Die Konjunkturdelle im Automobilbereich gibt es ja schon seit Herbst. Es ist zurzeit überhaupt nicht leicht, die ganze Lage abzuschätzen und weitere Entwicklungen abzusehen.

Welche Entscheidungen würden Sie sich wünschen, damit die Automobilbranche wieder Fahrt aufnimmt?

Autoproduzenten zahlen jedes Jahr teilweise hohe Dividenden aus. Als Zulieferer wird man aber jedes Jahr im Preis gedrückt und dieses Szenario kommt nun wieder auf uns zu. Das halten viele Zulieferer auf Dauer gar nicht aus. Die Regierung müsste jetzt nicht nur die E-Mobilität im Blick haben. Denn auch die Elektromobilität ist unterm Strich umweltbelastend, hochgiftig durch das Thema Batterie-Entsorgung. Ich frage mich, ob unsere Politiker einfach darüber hinwegsehen? Aber: Dass wir Werkzeugmacher keine Fans von Elektroautos sind, ist ganz klar, das ist kein Geheimnis. Weniger Werkzeug, weniger Bauteile für uns. Da bin ich ehrlich. Im Wasserstoffauto sehe ich Potenzial.

Firmengelände der Neher Group

Sie meinen, dass viele Menschen im Augenblick Angst haben, ein Auto oder das „falsche“ Auto zu kaufen?

Ja, klar. Und viele Menschen haben Angst, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren, das bremst. Es wird sicherlich zu Entlassungen kommen.

Messen werden reihenweise abgesagt...

Wir wollten dieses Jahr auf keine Messe. Wir haben geplant, dass wir das Jubiläum in der Zeit machen, in der die AMB stattfindet, und wollten parallel dazu Technologietage für Kunden durchführen. Aber das Jubiläumsevent haben wir vorsorglich abgesagt. Messen an sich haben uns noch nie viel gebracht, das ist nicht unsere Strategie. Wir werden hauptsächlich durch unsere Kunden weiterempfohlen, unsere Flexibilität und Schnelligkeit sind hier die Schlagworte. Und so sind wir auch gewachsen. Und wenn ich sehe, was so eine Messe an Geld kostet... Wenn wir das Geld nehmen und laden die Kunden zu uns ein, dann können wir uns Zeit für die Kunden nehmen und spezifische Themen ansprechen, konkret Problemlösungen erarbeiten.

Hausmessen liegen im Trend, nicht nur seit Corona?

Ja – auf jeden Fall. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Messen mehr und mehr abnehmen. Also diesen „Hype“ den es einmal gab, der wird durch Corona verloren gehen. Viele Firmen überdenken in diesen Tagen ihre Messe-Strategie.

Wo liegt der Vorteil der Neher Produkte?

Bei uns kommt alles aus einer Hand. Das bedeutet, der Kunde kauft die Maschine, wir bauen die Vorrichtung, das Werkzeug, wir machen Dichtheitsprüfanlagen, die Roboterzelle, Förderbänder, usw. Wir wollen Partner und Systemlieferant gleichermaßen sein, das aber als Inhaber geführtes Unternehmen, nicht als Konzern. Mit diesem Konzept sind wir auf große Resonanz gestoßen. Wir machen nahezu alles im Haus, andere kaufen nur zu.

Produktionshallen der Neher Group

Kundenwünsche fließen in die tägliche Arbeit mit ein?

Ja. Das ist das, was Neher ausmacht. Dass man nichts von der Stange hat. Wir haben hier 90% Sonderfertigung. Diesen Weg werden wir weiter beschreiten und ausbauen und damit auch neue Märkte erschließen.

Sind Sie eher ein Kopf- oder ein Bauchmensch?

Entscheidungen treffe ich oft nach meinem Gefühl. Trotzdem habe ich die Umsatz- und Verkaufszahlen immer im Auge. Das hat mir mein Vater schon mit auf den Weg gegeben. Wir hatten schon Joint Ventures und andere Kooperationen, mein Gespür hat mir dabei aber oft gesagt, dass irgendwas nicht rund läuft... und wir haben uns getrennt, was sich aus der jetzigen Perspektive als richtig erwiesen hat. Gerade die Zusammenarbeit mit konzernähnlichen Strukturen ist für uns als Mittelständler oft schwierig. Im Großen und Ganzen kann ich über mich sagen, dass ich schon ein gutes Gespür für den Markt habe und auch dafür, was wir als Inhaber geführte Firma leisten können. Natürlich sind mir auch schon Fehler unterlaufen. Ich bin jetzt 21 Jahre in diesem Betrieb. Man wird natürlich auch vorsichtiger mit der Zeit. Aber im Moment haben wir ganz andere Sorgen: der Preisdruck bei Zulieferern, dann die Corona-Pandemie und die hoffentlich baldige Normalisierung. Aber bleiben wir beim Gefühl: Momentan spüre ich, dass unsere Kunden zu einhundert Prozent zu uns stehen. Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir in jüngster Zeit Kunden verloren hätten.

Sie machen alles aus Leidenschaft?

Definitiv. Aber nicht nur ich, sondern auch alle meine Mitarbeiter. Uns gibt es jetzt 30 Jahre. Ich bin stolz, dass mein Vater damals Neher gegründet hat. 2006 habe ich dann die Firma übernommen. Vater und Sohn in der Firma – das war auch nicht immer einfach. Wenn ich jetzt das Verhältnis zu meinem Vater sehe: Wir sind jetzt fast wie Brüder. Er ist stolz darauf, dass alles so erfolgreich weitergegangen ist.

Wie würden Sie Ihren Vater, den Firmengründer, beschreiben?

Er ist anders. Er ist ein Tüftler, ein unglaublicher Problemlöser. Darin ist er unschlagbar. Aber der Vertrieb, Unternehmenswachstum, das war nicht so sehr seine Sache. Meine Vision dagegen ist es, in den Markt zu gehen und ein globaler Anbieter zu werden. Mein Vater hatte seinen Kopf immer voller Innovationen, setzte vieles davon in die Tat um, aber ging damit nicht an den Markt. Bis andere die Idee zur Marktreife gebracht haben.

Neher ist vor 30 Jahren gegründet worden. Wie kam es dazu?

Wir kommen aus einer Mühle. Dort befand sich früher das Mehl-Lager meines Großvaters. Aber sie haben erkannt, dass die „Müllerei“ keine Zukunft hat. Also machte mein Vater zunächst eine Ausbildung als Werkzeugmacher. Dort hat er sich hochgearbeitet bis zur Selbstständigkeit. Er war 40 Jahre alt, als er sich selbstständig machte. Es war hart. Er hat damals viel Geld von der Bank aufgenommen und hatte nicht einen Auftrag. Aber – es hat funktioniert.

Um wieder ins „Jetzt“ zu kommen: Was passiert, wenn die Elektromobilität mehr und mehr zunimmt, wo sieht sich dann die Firma Neher?

Wir hatten schon einige Projekte, die nicht viel mit dem klassischen Automobil zu tun hatten. Und wir haben früh reagiert. Wir haben gesagt: Angenommen es würde 2020 kein Auto mehr geben, was dann? Wir haben Alternativen gesucht und teilweise gefunden. Begonnen hat alles mit Holzbearbeitungswerkzeugen. Es gibt viele Dinge, bei denen man PKD im Einsatz hat. Medizintechnik ist dafür ein Beispiel, aber hierfür muss man die Produktion stark umstellen. Wir haben viele und gute Kunden und arbeiten nicht nur für die Automobilindustrie. Wir sind flexibel.

Bei den wasserstoffgetriebenen Autos sind da mehr PKD-Werkzeuge im Einsatz?

Nicht wirklich, aber ich denke sie sind für die Umwelt vorteilhafter. Die Politik steht unter dem Druck, die Umwelt im Blick zu haben, und klar: Da gibt es auch Vieles, das durchaus überlegenswert ist, zum Beispiel ob Flüge für 45 Euro nach Mallorca und zurück oder die vielen Kreuzfahrten, Flüge nach London für ein Business-Lunch am Mittag usw. sein müssen. Das Auto hingegen brauchen wir. Gerade auf dem Land.  Die Politik hat aktuell kein Konzept, wie sie den Automobilstandort und damit die Cash-Maschine Deutschlands umbauen oder Mobilität im ländlichen Raum schaffen möchte. Es gibt viel Kritik am Automobil, aber kaum Antworten in welche Richtung es wirklich gehen wird.

Trotz Krisenmodus: Expandiert Neher?

Ja, wir haben ein Service-Joint Venture. Bei Star SU haben wir 25 Mitarbeiter, die in Nordamerika und in Mexiko verkaufen.

Sind Sie öfter in den USA?

Eine Zeit lang war ich öfters dort. Aber jetzt haben wir einen eigenen Mitarbeiter dort. Er ist schon 16 Jahre in Philadelphia und war Manager bei einem großen Unternehmen. Das meiste erledigen wir nun über Videokonferenz. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind unsere Basismärkte. Wir sind aber zunehmend auch in Russland, Slowenien, Tschechien, der Slowakei und in Kroatien aktiv.

Wo sehen Sie Neher in zehn Jahren?

Wir haben in viele zukunftsträchtige Technologien investiert und sind stetig dabei, neue Anwendungsfelder von PKD zu ergründen. Ich denke, dass sich in 10 Jahren viel ändern kann, aber dennoch bin ich sicher, dass wir gut aufgestellt und vor allem flexibel sind. Diamant ist ein wunderbarer Werkstoff, der seine Anwendungen immerzu haben wird – wie auch immer diese aussehen werden.

Irgendwann wird mein Sohn das Unternehmen leiten. Wann genau das sein wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Er wird vermutlich wieder neue Ideen haben und neue Wege gehen. Meine Aufgabe ist dann mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn er das denn wünscht.

Wenn Sie nicht in der Firma sind, wo sind Sie dann?

Wenn man ein eigenes Haus hat, gibt es immer was zu tun. Im Garten zu arbeiten bedeutet für mich Entspannung. Seit 6 Jahren golfe ich auch gerne, gehe aber viel zu selten. Dazu reicht mir die Zeit einfach nicht immer.

An welchem Projekt arbeitet Neher gerade?

Momentan laufen bei uns mehrere Projekte simultan. Unter anderem ein Förderprojekt, Projekte, die die additive Fertigung betreffen und ein Projekt für ein spezielles Werkzeug im Kanalsanierungsbereich. Aber grundsätzlich ist bei uns jedes Werkzeug ein Projekt. Wir stellen nur Unikate her und stecken viel Zeit und Erfahrung in ein solches Werkzeug.

 

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Firma: Neher Dia GmbH & Co. KG
Website: https://www.neher-group.com/de/

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