Riegger: Schleifscheiben sind auch in zehn Jahren noch rund

20. März 2020
Constantin (li.) und Michael (re.) Riegger
Das Vater- und Sohn-Gespann Michael und Constantin Riegger führen in 2. und 3. Generation als Inhaber die Firma Riegger Diamantwerkzeuge GmbH – ein Mehrgenerationen-Gespräch.
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Wenn man die Firmengeschichte von Riegger Revue passieren lässt, dann stößt man auch auf eine Episode, die einem Spionage-Thriller aus dem Kalten Krieg entsprungen sein könnte. Das ist aber nicht das einzig Außergewöhnliche an diesem Familienunternehmen.  Als gleichberechtigtes Duo führen Vater Michael und Sohn Constantin Riegger sichtlich harmonisch den Schleif- und Abrichtwerkzeugspezialisten. Im Interview verraten sie, was Mopeds mit Unternehmertum zu tun haben, dass manches im Leben Zufall ist und wie sie das Thema Industrie 4.0 in ihrem Betrieb umsetzen. Das Wort „Zukunftsangst“ kommt ihnen nicht über die Lippen – beide sind im zweiten Beruf „Optimist“.

DIAMOND BUSINESS: Sie machen beide einen sympathischen und gelösten Eindruck. Ich habe nicht das Gefühl, dass es große Kämpfe zwischen Ihnen gibt...

Constantin Riegger: Ab und zu gibt es schon Reibungspunkte. Aber es geht dabei immer um die Sache. Wir haben beide das Ziel, die Firma voranzubringen und von der strategischen Ausrichtung sind wir uns einig.
 
Michael Riegger: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass das Tagesgeschäft vom Älteren, also von mir, wirklich mitgetragen wird. Bei meinem Vater (Firmengründer Wolfgang Riegger; Anmerk. d. Red.) und mir war das nicht immer so. Ich wollte es aus meiner Sicht besser machen.

Constantin Riegger: Ich hatte von Anfang an viele Freiräume. Wir haben im Bereich der Automatisierung und in der Fertigung Sachen gemacht, wo mein Vater am Anfang sehr skeptisch war, oder auch zum Beispiel bei der Einführung eines neuen ERP-Systems. Das ist ein Riesen-Schritt gewesen, alles in eine Datenbank aufzunehmen und nochmal mehr zu digitalisieren. Alles nahezu papierlos zu machen war eine große Herausforderung für uns und die Mitarbeiter. Man muss von der älteren Generation diese Freiheiten bekommen, um handeln zu können.

Wie ist Riegger entstanden?

Michael Riegger: Mein Vater war Technischer Leiter in der Branche und hatte den Antrieb, Dinge anders zu gestalten. Dies ging aber nur in der Selbständigkeit.

 ... und hat er hier in Affalterbach angefangen?

Michael Riegger: Nein. In Bittenfeld, einem Nachbarort, begann es in einer gemieteten Halle. Im Jahre 1977 kam dann der Umzug in die eigenen Gebäude hier in Affalterbach.

Worin sehen Sie Ihre Stärke im Markt?

Constantin Riegger: Wir haben eine andere Ausrichtung. Ich behaupte mal, wir sind stark lösungsorientiert, individuell, das hängt natürlich auch mit unserer kompakten Größe zusammen. Das heißt, wir machen eben den Extra-Schritt, den vielleicht ein großer Marktbegleiter gar nicht machen kann, weil ein Controller sagt, ´das ist nicht genügend Deckungsbeitrag´. Wir haben in den Bereichen Vertrieb und Anwendungstechnik eine relativ große Mannschaft, die die Herausforderung beim Kunden angeht. Dadurch lernen wir auch jedes Mal dazu und entwickeln uns weiter. Deshalb haben wir es auch geschafft, uns gegen große Namen durchzusetzen.

Michael Riegger: Und wir waren immer schon diejenigen, die schnell und flexibel waren, Probleme rasch lösen und Prozesse schnell umsetzten konnten. Als sich mein Vater aus dem Unternehmen zurückgezogen hat und ich alleine in der Geschäftsführung war, reduzierten wir zunächst die Anzahl der Mitarbeiter, um diese Flexibilität zu erhalten. Ich musste das auch bewerkstelligen können. Und aus dem heraus ist es dann so weitergegangen.

Constantin Riegger: Die Ausrichtung darauf, Problemlösungs- und Wertschöpfungspartner zu sein, hat sich in den letzten Jahren als erfolgreich und richtig erwiesen, weil spezifische Aufgaben einfach nicht immer mit Standardlösungen beantwortet werden können.

Werkzeugschleifen

War das schon immer Ihr Wunsch, ins väterliche Unternehmen zu gehen?

Constantin Riegger: Es war nie das einhundertprozentige Ziel. Ich habe im Bereich Finanzmanagement gearbeitet. Dann war ich in London; später bei Porsche angestellt. Als ich dann den Master in BWL mit dem Schwerpunkt Familienunternehmen gemacht habe, war schon klar, dass es doch in die jetzige Richtung gehen würde. Dann habe ich noch eine Ausbildung als Industriefachkraft für Schneidwerkzeugtechnik gemacht, um das technische Thema abzudecken. Ich habe selbst an der CNC-Maschine geschliffen, danach erst bin ich ins Unternehmen eingestiegen. Es hat sich so entwickelt und ich glaube, das ist auch der gesündere Weg.
 
Michael Riegger: Bei mir war das damals anders. Ich habe mir schon als junger Bursche mein erstes Moped mit der Herstellung der Grundkörper an der Presse in der Firma verdient. Ich habe glaube ich damals 10 oder 15 Pfennig pro Stück bekommen und man wächst dann in so ein Unternehmen. Ich persönlich wäre gerne Zahntechniker geworden... Retrospektiv war es aber kein Fehler und es ist für mich und für meine Eltern gutgegangen und vor allem für das Unternehmen: man hat ja eine verdammte Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern. Ich kenne Unternehmen, da lief das nicht so reibungslos, weil man versucht hat, den Junior mit aller Gewalt in Position zu bringen.

Constantin Riegger: ... und mich hat es nun freiwillig hierher verschlagen.

Was ist denn für Sie der besondere Reiz, hier zu arbeiten?

Constantin Riegger: Der familiäre Aspekt ist natürlich schon da. Zum zweiten ist hier bei Riegger der ganzheitliche Ansatz interessant: Wir fangen beim Rohstoff an, entwickeln die Bindungen, wir kaufen keine Bindungen zu – über die Produktion der Produkte bis hin zur Vertriebskomponente, dass wir direkt an den Endkunden liefern, alles aus einer Hand, alles aus unserem Haus.

Und auch selbst die Fäden in den Händen zu halten?

Constantin Riegger: Das ist sicherlich auch ein Aspekt.  Wenn man in einer Unternehmerfamilie groß wird, möchte man Dinge bewegen.

EDM Profilieren

Gibt es denn noch einen anderen Produktionsstandort?

Constantin Riegger: Ja, in Taucha.

Wie sind sie darauf gekommen, dort zu fertigen?

Michael Riegger: Da muss man immer ein bisschen in die Historie gehen. Das ist mehr so eine Ost-West-Geschichte, der mit einem vermeintlichen Telex-Irrläufer begann... (s. beistehender Kasten)

Wie viele Mitarbeiter sind dort tätig?

Michael Riegger: Im Moment nur noch drei. Es wird über kurz oder lang eine Verlagerung stattfinden, weil die Herrschaften fast alle mein Jahrgang sind und in den Ruhestand gehen und wir diesen Umstand nutzen, um die Fabrikation zu verlegen.
 
Constantin Riegger: Es ist auch schon alles in die Wege geleitet.

Es ist so auch logistisch besser, oder?

Michael Riegger: Aus betriebswirtschaftlichen Gründen war diese Produktionsstätte am Ende nicht mehr sehr sinnvoll. Ich fühle mich aber verantwortlich für meine Mitarbeiter, denn wir haben gleich am Anfang viel miteinander bewegt. Wenn ein Mensch mit 50 Jahren ohne Arbeit dasteht, kann man sich ausrechnen, was passiert... Ende dieses Jahres geht dann auch der letzte in Taucha in den wirklich verdienten Ruhestand und danach bringen wir den Rest zurück nach Affalterbach.

Sie sind ja sehr loyal ihren Mitarbeitern gegenüber: Ist Kurzarbeit bei Ihnen ein Thema?

Constantin Riegger: Nein, Stand heute nicht. Aber wir haben Rückgänge zu verzeichnen zu den sehr erfolgreichen Vorjahren. Die Kunden haben sich zum Teil ihre Lager gefüllt, um eine hohe Werkzeug-Verfügbarkeit zu haben. Dadurch hat sich auch das Lager länger gehalten, die Bestellungen reduzierten sich daher etwas zum Jahresende. Aber jetzt hat es teilweise wieder angezogen, auch wenn bei manchen Kunden in der Werkzeugindustrie Kurzarbeit angesagt ist. Hier wird das laufende Jahr zeigen, wie es weitergeht...

Worin liegt das Kerngeschäft von Riegger?

Constantin Riegger: Das Kerngeschäft ist primär in der Werkzeugindustrie angesiedelt. Hier sind die Hauptkunden.
 
In welchen Bereichen ist Ihr Unternehmen besonders leistungsstark und innovativ?

Michael Riegger: In der Entwicklung von Bindungssystemen und Herstellungsverfahren. Diese erfolgt aus Tradition komplett im Haus. Die Herstellung beginnt bei den Rohstoffen und endet im fertigen Produkt, ob Schleifscheibe oder Abrichtwerkzeug. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Beratung. Es geht dann soweit, dass wir teilweise nur beratend bei unseren Kunden sind, ohne neue Produkte zu verkaufen.

Abricht-Service

Wo ist der wichtigste Markt?

Constantin Riegger: Deutschland, aber auch Europa gesamt gesehen. Wir haben auch ein paar ganz exotische Länder im Vertriebsnetz, was aber daran liegt, dass unsere Kunden in diesen Ländern Produktionsstätten eröffnet haben, so liefern wir auch nach Vietnam, Südafrika oder Singapur.

Ist denn die Konkurrenz mit Billigprodukten aus dem Ausland eine Gefahr für Riegger?

Michael Riegger: Nein, das würde ich nicht so sehen. Das liegt an der von meinem Sohn schon geschilderten Struktur. Wir sind gegenüber anderen hoch beratungsintensiv geworden. Waren wir schon immer und werden es immer mehr. Das liegt einfach daran, dass wir feststellen müssen, dass es immer weniger qualifizierte Fachkräfte in den Produktionen gibt. Die Leute wissen teilweise nur am Rande über den Prozess Bescheid. Und das hat uns dazu veranlasst, auch in diesem Bereich aktiv zu werden, weil wir sagen, ´wir müssen die Leute so weit bringen, dass sie verstehen was sie tun`. Und unsere Kunden wertschätzen das auch in der Form, dass sie sagen: `Kümmere Du Dich darum`. Das geht hin bis zur intensiven Schulung der Mitarbeiter. Und in diesem Zusammenhang haben wir Zugang zur Produktion, zum Prozess und zu den Leuten und Daten, wo es für einen Billiganbieter schwer ist hinzukommen.

Constantin Riegger: Und es ist dann im Endeffekt auch eine Qualitätsfrage; viele in der Branche wissen, dass es eine Konstante im Produktionsprozess braucht, damit die Fertigung sicher läuft. Und deswegen fühlen wir uns hier relativ souverän.

Hauptsitz in Affalterbach

Führen Sie sich auch so souverän in der Hinsicht, dass sich das Auto verändert? Also dass es immer mehr zur Elektromobilität geht.
 
Constantin Riegger: Wir sind relativ breit aufgestellt. Wobei man sagen muss, dass wir im süddeutschen Raum sitzen. Und viele von unseren Kunden sind auch groß im „Automobil drin“. Probleme gibt es aber nicht nur im deutschen Markt. In Deutschland merkt man aber, dass es einen Trend zur De-Industrialisierung gibt. Es werden Dienstleistungen wichtiger und das wirkt sich auf die Zerspanungsindustrie aus.

Wie sehen Sie die Rolle der Politik?

Constantin Riegger: Das ist jetzt schwierig…

Michael Riegger: Da reicht Ihr Block nicht mehr aus…

Constantin Riegger: Im Endeffekt ist es die Unsicherheit, welche von der Politik ausgeht, die uns zu schaffen macht. Man hat gefühlt keine Konstanz. Ich sage immer, mir wäre es fast schon lieber, würde die Politik nicht im Sinne der Wirtschaft entscheiden, aber wenigstens entscheiden, damit man eine Konstante hat, die Planungssicherheit gibt. Die Rezession, die wir gerade (teilweise) haben, hängt größtenteils nicht vom Strukturwandel der Automobilbranche ab. Es ist mehr die generelle Unsicherheit, die es allen schwer macht, zu planen. Es haben sich viele Themen zu lange aufgestaut.

Von der aktuellen Politik zum Tagesgeschäft: Ist die Grindtec die einzige Messe, auf der Sie noch ausstellen?

Michael Riegger: Wir waren früher auf der AMB, waren auch in Hannover. Aber es hat sich herauskristallisiert, dass die Grindtec für uns die Messe schlechthin ist. Wir werden dort dieses Jahr eine Weltneuheit im Bereich des Schleifens von Wendeschneidplatten präsentieren.

Können Sie denn schon abschätzen, wo Sie sich in zehn Jahren sehen wollen?

Constantin Riegger: Also sagen wir mal so: die Schleifscheiben werden weiterhin rund sein und wir werden immer noch Diamant und CBN verarbeiten. Ich denke, dass gerade im Bereich Industrie 4.0 und Digitalisierung die Entwicklung weiter geht. Der Ansatz, dass wir nicht nur auf die Schleifscheibe schauen, sondern den ganzen Prozess beleuchten, ist der richtige Weg. Und die Ausrichtung, dass wir mehr Support bieten, egal ob das im Bereich von Schulungen ist oder generell, stimmt auch. Wir haben darüber „Ready to use-Services“, wo wir fertige Schleifdorne dem Kunden anliefern. Hierbei werden die Schleifscheiben aufbereitet und abgerichtet, egal ob von uns oder von einem Wettbewerber. Die Scheiben werden vermessen, gewuchtet und die Daten an den Kunden übermittelt, dass dieser direkt losschleifen kann. Letztlich wollen wir den Kunden von den zusätzlichen Prozessen, die nicht mit seinem Kerngeschäft zu tun haben, entlasten. Eine andere Frage ist dann immer noch das Thema Big-Data. Wir sind dabei, mit Datenbanken viele Kennzahlen über den Schleifprozess zu sammeln und zu katalogisieren. Hierbei wird alles immer transparenter und die ganzen Daten, welche man von den Schleifmaschinen bekommt, muss man eines Tages gewinnbringend einsetzen. Das ist dann, so glaube ich, die große Herausforderung.

Also der Schleifprozess wird dann auch immer mehr in Richtung Digitalisierung gehen?

Constantin Riegger: Der Schleifprozess wird immer mehr mit Daten unterfüttert. Hier gibt es ganz interessante Ansätze im Bereich der Sensorik wie z.B. über Akustik u.v.m.

Das Telex, das aus dem Osten kam...

Die Geschichte des Riegger-Standorts Taucha liest sich fast wie ein Agententhriller aus dem Kalten Krieg: „Eines Tages Anfang der 80ziger Jahre kam ein Telex aus dem Osten ´rein, es war etwa 1,5 Meter lang. Wir hielten dies erst für einen Irrläufer...“ erinnert sich Michael Riegger. Diese überaus ernst gemeinte Bestellung kam aus der DDR. Riegger konnte den Sachverhalt klären und lieferte die bestellte Ware – wurde daraufhin auf die Leipziger Messe eingeladen, es folgten weitere Bestellungen.

Schließlich musste Riegger auch Ware aus der DDR abnehmen, ein typisches Kompensationsgeschäft der damaligen Zeit: Werkzeugkästen, Schraubendreher usw. „Made in GDR“. Diese bot er dem Metro-Konzern an, wohin er Kontakte hatte. Schließlich entwickelte sich eine tragende Ost-West Geschäftsbeziehung, die den DDR-Oberen so wichtig war, dass Riegger mit einem Dauervisum ausgestattet wurde. „Ich hatte dann auch Zugang zu Unternehmen.

Es war sehr außergewöhnlich, weil normalerweise war dies für einen Westbürger nahezu ausgeschlossen. Und irgendwie habe ich dann mitbekommen, dass in Taucha, vor den Toren Leipzigs, ein Zweigbetrieb des Kombinates „Zwickauer Edelschmiede“ Naturdiamant schleift. Nach der Wende übernahm Riegger diese Schleiferei mitsamt Mitarbeitern – Arbeit war ja da – auch um zu verhindern, dass die Angestellten „abgewickelt wurden“.

Sie finden den vollständigen Artikel in der nachfolgenden Pdf-Datei.



Firma: Riegger Diamantwerkzeuge GmbH
Website: http://www.riegger-diamant.de/home.html

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