Walter AG: Tübinger Werkzeugspezialist entwickelt Lösungen für die Zukunft

19. Februar 2019
Mirko Merlo, CEO der Walter AG
Mirko Merlo ist schon seit 1984 in verschiedenen Positionen bei Walter tätig. Unter anderem verantwortete er die Geschäfte des Unternehmens in Brasilien, Großbritannien und Italien.
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Seit Anfang 2012 stellt er nun für Walter die Weichen für die Zukunft. In einem Interview spricht er über die Digitalisierung, über die aktuellen Unwägbarkeiten am Markt und über die zukünftigen Pläne des schwäbischen Werkzeugherstellers.

Das Spiel ist aus – vorbei! Als der finale Schlusspfiff im WM-Spiel
Deutschland gegen Südkorea fiel und das historisch schlechte Abschneiden der Nationalelf in den Medien für hitzige Diskussionen sorgte, war allen Beteiligten schnell klar, dass es dem WM-Team an Kreativität, Einsatzfreude, Mut, Präzision, Innovation und Siegerwillen fehlte. Genau diese Attribute sind es, die dem global agierenden Werkzeughersteller Walter AG mit Sitz in Tübingen in die Pole-Position verhelfen. Nicht ohne Grund konnte Walter auf ein fantastisches Rekordergebnis der Firmengeschichte im Jahr 2017 zurückblicken. Und 2019 gibt es schon wieder einen Anlass zur Freude: Die Walter AG in Tübingen feiert 100-jähriges Firmenjubiläum.

Mitverantwortlich am erfolgreichen Abschneiden des Tübinger Werkzeugspezialisten ist der Vorstandsvorsitzende Mirko Merlo, der schon länger als sein halbes Leben mit dem Unternehmen tief verwurzelt ist und seit 2012 als CEO für Walter AG engagiert die Weichen stellt. Seiner Meinung nach ist auch im täglichen Geschäft der nötige Sportgeist unabdingbar, denn nicht nur auf dem Fußballplatz ginge es um Sieg oder Niederlage. Es geht darum, Chancen am Markt wahrzunehmen und die Herausforderungen der Zukunft mutig, entschlossen und mit einem gehörigen Schuss Siegerwillen anzugehen. Dabei dürften die Spielregeln des Marktes nie aus den Augen verloren werden. Nur dann würde die Erfolgsgeschichte „Walter“ auch für die nächsten 100 Jahre eine Erfolgsgeschichte bleiben.

 

 


Mirko Merlo spricht im Interview über die Digitalisierung, über die aktuellen Unwägbarkeiten am Markt und über zukünftige Pläne des schwäbischen Werkzeugherstellers.

DIAMOND BUSINESS: Herr Merlo, Sie dürfen auf umsatzstarke Jahre bei Walter zurückblicken und auch aktuell befindet sich die Walter AG weiterhin auf Erfolgskurs. Haben Sie Ihre Ziele erreicht?

Mirko Merlo: Wir haben uns in den vergangenen Jahren von einem breit aufgestellten Werkzeughersteller zu einem kompletten Lösungsanbieter und damit zu einem kompetenten Lösungspartner entwickelt. Wir gehen zum Kunden, optimieren seine Prozesse in seiner Produktion vor Ort und stellen ihm qualifizierte Experten zur Verfügung. Auch im Bereich Digitalisierung haben wir große Fortschritte erzielt, unsere Kunden geben uns regelmäßig positives Feedback und nehmen uns als leistungsstarken, verlässlichen Partner wahr. Wir freuen uns darüber und es zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Allerdings gibt es aktuell starke Unwägbarkeiten und Schwankungen am Markt, die wir beobachten müssen.

Was meinen Sie konkret?

Derzeit boomen die deutsche und auch die europäische Konjunktur, die Unternehmen haben volle Auftragsbücher. Deutschland hat in den letzten Jahren – teilweise auch unerwartet - eine phantastische Entwicklung durchlebt. Seit langer Zeit profitieren wir von einem Rekordhoch.  Natürlich stellt sich die Frage, wie lange dieses Hoch noch anhält. Daneben hinterlässt der Protektionismus von US-Präsident Trump seine Spuren. In einigen Ländern spüren wir eine gewisse Unruhe beim Kunden. Unsicherheit war aber noch nie ein guter Ratgeber für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes oder von Unternehmen.  Wir beobachten den Markt ganz genau, wir   durchlaufen gedanklich verschiedene Szenarien, die vielleicht nicht realistisch sind und müssen letztendlich abwarten, was passiert. Auch die Geschwindigkeit, in denen sich Märkte entwickeln, setzt uns alle gewissermaßen unter Druck. Änderungen sind schon immer Teil des menschlichen Lebens gewesen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Länder, Menschen und Unternehmen es nicht schaffen, dem rasanten Wandel standzuhalten. Es stellt sich für uns die Frage, wie es gelingen kann, alle Mann an „Bord zu halten“ oder mitzunehmen.

Technology Center Walter AG

Welcher Meilenstein war für Walter AG in den letzten Jahren ein entscheidender?

Im September 2016 wurde bei Walter AG in Tübingen das neue Technology Center eröffnet. Das ca. 5.000qm große Gebäude am Firmensitz ist Erlebniswelt und Forschungsfabrik zugleich. Mit unseren Kunden, Partnern und Mitarbeitern aus aller Welt entwickeln wir Lösungen für die Zukunft, denn Kunden erwarten heute zuverlässige und maßgeschneiderte Prozesse und innovative Resultate. Sie schätzen, dass sie die Entwicklung ihrer Zerspanungsprozesse live mitgestalten können und ein weiterer Vorteil besteht vor allem darin, dass während dieser Optimierungsprozesse hier im Technology Center keine Maschinen-Stillstandzeiten vor Ort zu befürchten sind. Die Produktion der Kunden läuft ungehindert weiter. Unser Ziel ist es, ein Gesamtpaket für unsere Kunden zu schnüren, von der Planung bis zum fertigen Bauteil. Dafür begeben wir uns mehr und mehr in die Rolle des Dienstleisters und gerade im Bereich der Digitalisierung und Automatisierung setzen Kunden auf unsere Expertise und auf enge Partnerschaft.

Anwender nutzen also den Werkzeughersteller zunehmend als Dienstleister. War das vor 10 Jahren noch anders?

Die Fachkenntnis, die wir bei unseren Kunden vorfinden, nimmt sukzessive ab. Natürlich gibt es Kunden, die nach wie vor eine eigene technische Abteilung und hohe Expertise haben, aber die Mehrzahl erwartet, dass wir als Werkzeughersteller immer mehr unser Expertenwissen einfließen lassen und beratend zur Seite stehen. Tatsächlich war das vor einigen Jahren nicht in diesem Maße gefordert. Die Technologie der Maschinen war ebenfalls nicht so weit fortgeschritten. Unsere Kunden erwarten nicht nur Werkzeuge, die von der Performance überzeugen, sondern legen Wert auf unsere Expertenmeinung, insbesondere dann, wenn es um CAD/CAM Systeme, um Programmierung, um die Auswahl von Werkstoffen und um mögliche Bearbeitungsstrategien geht. Alle Optimierungspotenziale in der Prozesskette sollen ausgeschöpft werden.

Wohin geht die Reise von Walter AG in den nächsten Jahren? Was wird entscheidend sein?

Natürlich wird ein starker Fokus weiterhin auf der Digitalisierung liegen und es wird darum gehen,  Werkzeuge, Prozesse und den Beratungs-Dienstleistungs-Bereich weiter zu entwickeln. Unser Ziel wird sein, Werkzeuge so einfach wie möglich einzusetzen und gleichzeitig das Beste aus ihnen herauszuholen. Für die AMB planen wir eine neue Werkzeuggeneration vorzustellen. Außerdem möchten wir die Automatisierung innerhalb der Walter AG voranbringen und ebenso die Prozesse bei unseren Kunden. Nur so haben wir eine Chance, dem Fachkräftemangel künftig etwas entgegen zu setzen.Ab September bietet Walter ein duales Hochschulstudium im Bereich der Wirtschaftsinformatik an. Was erwarten Sie sich davon?
Die Anforderungsprofile an unsere Mitarbeiter haben sich ein Stück weit verändert, gerade im Bereich der Digitalisierung. Wir setzen auf topausgebildete Fachkräfte mit technischem Hintergrund, stellen rechtzeitig dafür die Weichen im Haus und bilden selbst aus.

Walter AG PKD-Kombiwerkzeug

Auch die Elektromobilität stellt einen Werkzeughersteller vor neuen Herausforderungen. Wie stehen Sie dazu?

Wir beschäftigen uns seit einiger Zeit mit der Bearbeitungstechnologie für Komponenten für die Elektromobilität. Dazu gehören neben Vollhartmetall- und PKD Werkzeugen auch Bearbeitungsstrategien und Spannkonzepte. All dies bieten wir unseren Kunden als ganzheitliche Technologieplattform.
Unser Ziel wird sein, in der Aluminiumbearbeitung eine entscheidende Rolle zu spielen. Wir sehen hier eine sehr interessante Entwicklung am Markt, nicht nur im Bereich der Elektromobilität.

Seit 2004 stellen Sie auch PKD-Werkzeuge her. Sehen Sie in der PKD-Bearbeitung einen wachsenden Markt?

Einer der wichtigsten Trends in der Automobilindustrie in den nächsten Jahren auf dem Weg zur nachhaltigen Mobilität wird die Einführung von Leichtbaukomponenten und elektrischen Antrieben sein. Haupttreiber sind dabei vor allem die Ressourcenverknappung und die CO2-Reduktionsziele. Auf dem Weg in die Zukunft der E-Mobilität und des Leichtbaus führt kein Weg an dem Werkstoff Aluminium vorbei.  So ist schon jetzt fast jedes zweite Bauteil bei elektrisch angetriebenen Fahrzeugen aus Aluminium.
Walter hat diesen Trend frühzeitig erkannt und bereits leistungsstarke Werkzeuge für die Aluminiumbearbeitung entwickelt. Gleichzeitig haben wir große Summen in den Kapazitätsausbau und die Weiterentwicklung unserer PKD Produkte investiert.

Worin sehen Sie Ihre größte Herausforderung?

Eine Firma, die erfolgreich ist, weiterhin auf Erfolgskurs zu halten, wird wohl meine größte persönliche Aufgabe sein. Die Digitalisierung fordert zwar heraus, ich sehe aber darin mehr die Chancen, die sich uns bieten. Es wird um große Veränderungen gehen, allerdings müssen auch die Menschen für diesen Wandel Bereitschaft zeigen und Verständnis dafür entwickeln. Das wird nicht von heute auf morgen gelingen.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Aus der Historie heraus ist Walter ein Top-Down-geführtes Unternehmen. Dieses Management-Prinzip hat uns natürlich zu dem gemacht, was wir heute sind. Das sollte man also nicht zu negativ sehen. Die Firma hat aber nun eine Größe erreicht, in der dieser Führungsstil meiner Meinung nach wenig effizient ist. Der Markt verlangt schnelle Entscheidungen, um reagieren zu können. Deshalb wird ein gewisser kultureller Wandel im Unternehmen stattfinden. Die Entscheidungen sind dort zu treffen, wo die Informationen liegen. Deshalb geht es darum, Mitarbeiter zu ermächtigen und zu befähigen, Entscheidungen im Sinne von Walter vor Ort zu treffen. „Empower“ heißt für mich aber nicht, einfach Aufgaben zu delegieren, sondern es geht darum, die Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit nach vorne zu bringen.

Angenommen, Sie sind mit einem Politiker im Gespräch. Was würden Sie mit ihm besprechen?

Meiner Meinung nach gibt es drei „Baustellen“: Die Überregulierung, die hohe Bürokratielast und die rasante Kostenentwicklung. Regeln sind wichtig, aber wenn die Regeln über Hand nehmen, ist man als Unternehmer gezwungen, ständig mit „angezogener Handbremse zu fahren“. Hier geht es um periphere Themen, die nichts zum Unternehmenserfolg beitragen. Ähnlich verhält es sich mit der Bürokratie, die uns auferlegt ist. Eigentlich sollten sich Unternehmen auf die Produktivität konzentrieren, um erfolgreich am Markt agieren zu können. Außerdem mache ich mir Gedanken über die stark steigenden Produktionskosten, beispielsweise aufgrund von Tarifverhandlungen. Dennoch möchte ich betonen: Deutschland besitzt ein Potenzial, das nur wenige Länder der Welt haben. So verfügt es über eine ausgezeichnete Infrastruktur und diese bietet damit eine wertvolle Basis für Unternehmen. Außerdem sind die Menschen in Deutschland extrem konkret, schwarz ist schwarz – weiß ist weiß. Aussagen, die getroffen werden, haben Bestand. Das macht das tägliche Geschäft um vieles einfacher.

Wofür sind Sie dankbar, Herr Merlo?

Dankbar bin ich für die Chancen, die sich mir im Leben immer wieder geboten haben, dafür, dass ich für die Walter AG Verantwortung übernehmen durfte und für meine Familie, insbesondere für meine Frau, die mit mir den Weg bisher geschäftlich und privat gegangen ist. Wäre sie nicht so flexibel gewesen, hätte ich meine Ziele wahrscheinlich nicht erreichen können.

 

 

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Firma: Walter AG
Website: https://www.walter-tools.com/de-de/pages/default.aspx