Wigtec: „Wer Single-Source-Anlagen baut, muss an alles denken“

19. Februar 2019
Wigtec Sieghard Fischereder
„Ich sehe ein Unternehmen nicht nur im materiellen Sinne, sondern auch als Entwicklungsmöglichkeit in einem definierten Raum.“
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Der Hochvakuumofen – die wesentliche Komponente im Firmenkonzept von Wigtec

Haben wir beim Gedanken an den Physikunterricht und die Zahl 10-6mbar irgendeine Erinnerung? Wozu braucht man diese Zahl und was bewirkt dieser Druck? Für Sieghard Fischereder, Inhaber von Wigtec, ist diese Zahl Teil des Tagesgeschäfts, man kann fast sagen, er ist mit dieser Zahl (unternehmerisch) groß geworden. Seine Firma ist auf die Entwicklung und den Bau von Hochvakuum-Lötöfen, den Sonder-Anlagenbau sowie auf Präzisionsteile spezialisiert und dabei ist diese Druckangabe mit den vielen Nullen hinter dem Komma ein entscheidender Faktor.

 

 

Man kann Sieghard Fischereder durchaus als Chamäleon bezeichnen, nicht was seine Erscheinung angeht – aber sein Berufsleben zeigt sich doch äußerst facettenreich. Angetrieben wird der Forscher und Entwickler ständig davon, das Optimum zu erreichen. „Wenn ich eine Anlage baue, beginne ich mit den Fragen: `Ist das Ziel mit vorhandenem Wissen, realistischen Kosten und verfügbaren Materialien realisierbar? Welches Ergebnis will mein Kunde erzielen, und ist es adäquat zu seinen Bedürfnissen?` Wir adaptieren nicht eine Maschine, die wir im Portfolio haben, sondern schaffen eine maßgeschneiderte Lösung, die in den Workflow passt.“
Bei Hochvakuum-Öfen zum Löten, vor allem von PKD, CBN und pCBN, bedeutet dies: Die Vakuum-Lötanlage muss jederzeit ein stabiles Vakuum im Bereich 10-5 bis -6mbar liefern. Vakuum ist letztlich die Reduktion der Gasteilchen gegen Null in einem definierten Raum, um es einfach zu sagen. Bei 10-6mbar gerät Fischereder richtig ins Schwärmen. Die hochgestellte Zahl hinter der 10 bemisst den Grad der Unreinheit. Mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung und Entwicklungsarbeit liegen hinter ihm und somit sind wir schon mittendrin in der spannenden Wigtec-Unternehmensgeschichte: Das „Vorwissen“ für den Hochvakuum-Lötofen hat Fischereder, der gelernter Betriebsschlosser ist und die Lehre mit dem Bayerischen Staatspreis abgeschlossen hat, in ganz unterschiedlichen Bereichen gesammelt, und dazu merkt er an: „Meine Aufgabe war es schon oft, Theorie in die Praxis zu bringen. Wissenschaftliche Arbeiten sowie Hochschul-Studien dienen mir heute oft als Wissensquelle und Impulsgeber. Ich abstrahiere die benötigten Aspekte und setze sie dann technisch im Maschinenbau ganz konkret um.“

Wachstumsmotor Licht

In die Hightech-Selbständigkeit startete Fischereder mit Gloveboxen für das Unternehmen M. Braun. Dies brachte ihn dann mit dem Thema „Licht“ in Berührung: Die Beteiligung an der Entwicklung und Fertigung der extrem ultra violetten Lichtquellen (EUV) von Philips sorgte bei Wigtec für einen enormen Schub, die Firma erwarb in diesem Zusammenhang aber auch vertiefte Kenntnisse beispielsweise beim Schweißen von Titan oder bei Fragen zum Verzug der Bauteile. Licht blieb ein steter Begleiter der Entwicklung: Xenonlicht und Beamer Lampen waren nach der Jahrtausendwende hoch innovative Lampen-Typen, gefolgt von LED und OLED Lichtquellen. Ab 2006 hat Wigtec mit den großen Namen der Branche zusammengearbeitet.

Wigtec Lötkammer bestückt

Einstieg ins Vakuum

„Mit Vakuumöfen hat Wigtec schon 2002 erste Berührungspunkte“, erinnert sich Fischereder. „Mit Kryopumpen ging es dann in die Richtung von Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt. Und das Vakuum spielte dann bei Wigtec weiter eine Rolle: Bei einem Verfahren für die Lebensmittelbranche wird in PET Flaschen durch das Zünden von Plasma eine dünne amorphe Schicht erzeugt. Dadurch werden diese Flaschen gasdicht und säurebeständig. In der Medizintechnik ist Wigtec Zulieferer von Vakuumkammern für die Beschichtung von Herzschrittmachern. „Spannend war die Entwicklung von Drehdurchführungen für medizinische CT und MRT Geräte unseres Kunden. So müssen die Leistungsbahnen sehr hohe Stromstärken leiten ohne an der Schweißnaht zu erhitzen. „Aufgrund unserer Kompetenzen konnten wir bei vielen Forschungsvorhaben unser „Know how kalibrieren“ – denn es war und ist immer spannend mit Universitären Instituten zusammenzuarbeiten“, berichtet Fischereder. Die Kette der beruflichen Stationen ist länger aber wir wollen hier nicht überall „hängen“ bleiben und Chamäleon ist Fischereder doch: Nach der Mittleren Reife machte er zunächst eine Schlosserlehre, führte mit seinem Bruder GALA-Bau in Oberbayern, kam auf diesem Weg immer mehr mit der Metallbearbeitung in Berührung, was dann im Jahr 2000 in die Wigtec mündete. „Es war jeweils notwendig, sich mit Geduld und Konzentration voll auf die Aufgabe zu fokussieren, von daher waren all diese Erfahrungen auch eine optimale Vorbereitung auf den Maschinenbau.“

Antreiber Hochvakuumofen

Seit fünf Jahren steht der Hochvakuumofen und damit der Lötprozess mit Aktivloten im Mittelpunkt der Arbeit. Bestimmte zunächst die Entwicklung und Verbesserung der Anlage (Hardware) die Agenda, so rückte Mitte 2014 der Zyklusverlauf und seit 2016 das Lot immer mehr in den Fokus. Hier erfuhr das Unternehmen tatkräftige Hilfe durch einen renommierten Schweizer Fachmann. „Da wir für die Versuche für Kunden einen Ofen bei uns im Haus benötigen, steht dieser auch für unsere internen Entwicklungen und Versuche zur Verfügung. „Dass wir außer unserem Versuchsofen aktuell elf Maschinen im Feld haben, ist dem Erkenntnisgewinn extrem zuträglich. Die sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Kunden und unserem Vertriebspartner Ceratonia ermöglicht uns auf der einen Seite, die Entwicklungen unserer Kunden zu wahren und auf der anderen Seite das generelle Niveau anzuheben - was dann wieder unseren Kunden zugute kommt.“

Aktuell plant Wigtec die Fertigung eines voluminöseren Modells des Hochvakuum-Ofens, um auch größere Werkzeuge fertigen zu können. „Bei der Fertigung von Wendeschneidplatten bietet bereits unser aktuelles System Platz für bis zu 800 Stück. Der Ofen verfügt über ausreichende Reserven, um an Neuerungen angepasst zu werden - schließlich sind wir ein forschendes Unternehmen. Andererseits ist nicht jede mögliche Änderung für jeden Kunden nötig.“
Bei einem Hochvakuum-Lötofen sind ihm viele kleine Details wichtig, die in der Summe zu einer hohen Performance führen: eine großzügige Kammer, die Möglichkeit einer hohen Einzelcharge, Online-Fernzugriff sowie allseitiger Zugang zur Lotcharge. „Intensiv haben wir uns auch mit dem Feld der Aufheizphase beschäftigt, um thermische Schocks zu vermeiden und so Mikrorissen im Material vorzubeugen. Die Möglichkeit von Scherproben und Probelötungen sowie die freie Wahlmöglichkeit der Diamanttypen- und Lotsorte sowie die hohe Applikationsmöglichkeit der Anlage sollen den Kunden ein Höchstmaß an Investitionssicherheit garantieren“, berichtet Fischereder. Wir versuchen den individuellen Anforderungen unserer Kunden an unser Produkt mit hohem Antrieb gerecht zu werden und nicht nur den noch zulässigen Minimalanforderungen. Wir garantieren die langfristigen Vorteile eines Qualitätsprodukts.

Steuereinheit des Lötofens

Raus aus der Entwicklernische

Seit 2013 „laufen“ WTH 200-Lötautomaten in vier Ländern. „Das positive Feedback unserer Kunden und die einhundertprozentige Zuverlässigkeit sind für uns Motivation den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Die Firma, die auf 100 Quadratmetern und mit 40.000 Mark Startkapital begann, hat expandiert, den Standort gewechselt und ist auf 1.400 Quadratmeter gewachsen, bietet neun Hightech-Arbeitsplätze mit null Fluktuation, „Ich bin kein Mensch, der hierarchisch denkt, dazu bin ich als Entwickler viel zu lösungsorientiert und lege großen Wert auf Eigeninitiative, Verantwortung und das Mitdenken meiner Mitarbeiter. Sie dürfen WigTec als ihre Firma verstehen. Wir wollen gemeinsam weiter wachsen. Ich sehe uns auf dem Sprung raus der Entwicklernische ins Rampenlicht des Hightech-Marktes.“ Und ja, auf die Frage, ob er denn so gar nicht irgendwann ans Herunterfahren denkt, berichtet er, da würde er sich sehr unruhig fühlen, zu groß ist der Ansporn, Probleme lösen zu wollen. Was er aber einräumt ist, dass er heute das Tempo der Gründerzeit mit damals bis zu 15 Arbeitsstunden am Tag nicht mehr gehen möchte. „Die geplante Kleinserienfertigung ist nun ein Schritt für mich hin zu einer Art Normalisierung.“ Damit bleibt dann etwas Raum für eine große fast nicht mehr gepflegte Leidenschaft: das Bergsteigen! Und irgendwie drängt sich dabei der Gedanke auf: „Hüttenwirt oder staatlich geprüfter Bergführer sind zwei Berufe, die Fischereder tatsächlich noch nicht ausgeübt hat… Aber zunächst fokussiert er sich erst einmal wieder 200 Prozent auf Wigtec.

Interview

Ein Schlaglicht auf das „Hochvakuumlöten“

Sechs Fragen an Sieghard Fischereder

 

 

DIAMOND BUSINESS: Es steht immer wieder der Wunsch nach schnelleren Prozesszyklen im Raum…

Sieghard Fischereder: Das war bisher nach dem Verkauf eines Vakuumlötofens vom Typ WTH 200 aber kein Thema mehr. Eine Verkürzung der Zykluszeiten sehe ich skeptisch und halte es auch für eine eher akademische Frage. Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn eine Supply Chain von mehreren Millionen Euro wegen ein paar Minuten Zeitersparnis einem Risiko auszusetzen. Trotzdem konnten wir auf unserem Versuchsofen bereits vor mehreren Jahren zeigen,
dass ein schnelleres Abkühlen möglich ist. Eine Zykluszeit von rund 200 Minuten für eine PKD-Lötung konnte ich letzten Monat sogar nachweisen. Aufgrund unserer Produktphilosophie wäre es selbstverständlich auch möglich, unsere bereits verkauften Öfen mit diesem System nachzurüsten.

Wie bewerten Sie die konkurrierenden Lötverfahren „induktive Lösung“ versus „Vakuumlötung“?

Grundsätzlich ist die Vakuumlötung einer Induktiven Lötung nicht nur Dank des Vakuums überlegen. Unsere Kunden berichteten auch über die Verbesserung der Lötqualität (Scherfestigkeit). Insgesamt sehe ich den Vorteil unseres Systems in einem Zusammenspiel von vielen Faktoren: Fehlerfreie
Lötnaht an den Kontaktflächen, kein Flussmittel, keine thermische Schädigung des PKD, stressfreieres Arbeiten beim Beloten, mehrere Schneiden werden in einem Lötvorgang fertiggestellt. Man kann eine geringere Neigung zur Mikrorissbildung des PKD und des Hartmetalls feststellen und hat eine stabile Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Wirtschaftlich zwingend ist kein Trocknen nötig, der Lötprozess erfolgt im Mannlos-Betrieb, der Platzbedarf ist gering.

PKD reagiert bei Temperaturen über 700 Grad sensibel?

Der PKD-Schneidstoff auf Hartmetall wird bei der Lötung zwar thermisch höher belastet, dies führt jedoch bei unserem hohen Vakuum zu keiner Schädigung. Aussagen, dass man auch im Vakuum PKD nicht über 710 Grad Celsius erhitzen soll, können wir für unser System nicht bestätigen. Unsere
aktuelle Erkenntnis ist, dass bei einer Belastung des PKD durch eine zu rasche Abkühlung mit Mikrorissen zu rechnen ist. Begründet wird diese Einschätzung durch die unterschiedliche Wärmeausdehnung von Diamant und Hartmetall.

Ähnlich wie beim Vakuum und der Sauberkeit gibt es bei der Fehlerfreiheit im Materialgefüge kein Absolut, das heißt auch im homogensten Gefüge wird man Fehler entdecken können. Bei einer zu raschen Abkühlung kommt es aufgrund der schnellen jedoch unterschiedlichen Längenänderung zu Spannungen im Material. Da diese Spannungen bei Gefügefehlern nicht vom Werkstoff aufgenommen werden, kann es zu Mikrorissen führen.
Diese Mikrorisse spielen bei der Standzeit der Werkzeuge eine große Rolle. Beim Aufheizen hat der Faktor Zeit ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Funktion. Sei es um die Position der Platten auf dem Werkzeug nicht zu verschieben, ein Verschleppen der Lösemittel zu vermeiden und dem
Binder Zeit zum Ausdiffundieren zu geben.

Die Prozesszeit sehen Sie also nicht als ausschlaggebende Komponente?

Die Verkürzung der Zykluszeiten bringt mehr neue Aufgaben als Vorteile mit sich. Generell verschließen wir uns aber keinen Kundenwünschen oder technischen Anforderungen, allerdings möchten wir unsere Kunden immer bedarfsgerecht beraten.

Welche Strategien verfolgen Sie gegenüber dem Mitbewerber?

Qualitativ sollen unsere Anlagen der Normal-Situation einer Singelsource, die nicht ausfallen darf, gerecht werden. Innovativ werden wir in den kommenden Jahren neue Möglichkeiten vorstellen. Prozesstechnisch möchten wir unsere Kunden optimal unterstützen. Unser Ziel ist es, dass sich unsere Kunden am Markt durch den Einsatz unseres Ofens einen Vorteil verschaffen können.

Welchen Nutzen hat Ihr Kunde, wenn er Ihre Produkte zum Einsatz bringt?

Sicher und jederzeit reproduzierbare Prozesse sowie hohe Flexibilität: der Ofen ist für die unterschiedlichsten Anwendungen geeignet. So können beispielsweise Wendeschneidplatten, rotierende Werkzeuge, Abrichtscheiben mit Silber-, Bronze- oder Nickelbasisloten gelötet werden.

 

 

Vertriebspartner:

Ceratonia GmbH & Co. KG
An der Lohwiese 29
97500 Ebelsbach
Tel: (+49) (0)9522-9432-0
office@ceratonia.com
www.ceratonia.com

 

 

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Firma: Wigtec Fischereder GbR
Website: http://wigtec.de/